VON EINER VERLEGENHEITSLÖSUNG ZUM UNVERZICHTBAREN BESTANDTEIL AM ÜBERGANG SCHULE – AUSBILDUNG – BERUF

Der Grundstein für einen künftigen Polytechnischen Lehrgang (PL) wurde bereits 1962 mit der Verlängerung der Schulpflicht von 8 auf 9 Jahre gelegt. Der PL als eigenständiges, allgemeinbildendes und berufsorientierendes 9. Schuljahr konnte sich letztlich gegen konkurrierende bildungspolitische Positionen „5. Volksschulklasse“ oder „5. Hauptschul­klasse“ durchsetzen.

Mit dem Schuljahr 1966/1967 wurde der PL als verpflichtendes 9. Schuljahr/Schulstufe für jene Jugendlichen eingeführt, die keine allgemeinbildenden oder berufsbildenden mittleren oder höheren Schulen besuchten. Einerseits als „einzige echte organisatorische Neuerung im Pflichtschulbereich“, andererseits als „Verlegenheitskompromiss“ kommentiert, verfolgte der PL jedenfalls unbestritten das Ziel, Grundbildung zu festigen und durch Berufsorientierung auf die Berufsentscheidung vorzubereiten. Lebenskunde, Sozial- und Wirtschaftskunde (einschließlich Zeitgeschichte) sowie Berufskunde und praktische Berufsorientierung waren die profilbildenden Pflichtgegenstände.

Mit Beginn des Schuljahres 1966/1967 begannen 31.838 Schüler/innen (ca. 22% des Jahrganges) in 632 Standorten das 9. Schuljahr im Polytechnischen Lehrgang, der zu mehr als der Hälfte als einklassiger Lehrgang geführt wurde.

Organisatorische und pädagogische Herausforderungen führten ab dem Schuljahr 1971/1972 zu Schulversuchen für Leistungsgruppen in Deutsch, Mathematik und Technischem Zeichnen und zur Einführung von Wahlpflichtbereichen, gesetzlich geregelt ab 1980; eine pionierhafte Entwicklung, die erst später in andere Pflichtschulbereiche Eingang fand. Mit den 1974 eingeführten „Berufspraktischen Wochen“ zur Ergänzung des Unterrichtes in Berufskunde und Praktischer Berufsorientierung wurde ein Meilenstein der Begegnung von Schüler/innen und Arbeitswelt gesetzt, der wesentlich zur verbesserten Orientierung und Entscheidung Jugendlicher für ihren Beruf beitragen konnte.

Die in allen Bundesländern in den 70er Jahren durchgeführten, zahlreichen Schulversuche ermöglichten die Übernahme von wertvollen, den PL modernisierenden Elementen ins Regelschulwesen wie z.B. die Ermöglichung der Verbesserung von Hauptschulnoten und den Erwerb von Berechtigungen der 8. Schulstufe oder die Erweiterung der autonomen Gestaltungsfreiheit.

1987 wurden ein Curriculum zum Lehramt für PL-Lehrer/innen zur Berufskunde (10 Module mit integriertem Betriebspraktikum) entwickelt, das Wahlpflichtfach Informatik eingeführt und erste Schulversuche zur sozialen Integration auf der 9. Schulstufe durchgeführt.

Anfang der 90er Jahre wurden erste Schritte zu einer weitreichenden Neugestaltung und Aufwertung des Polytechnischen Lehrganges gesetzt, die 1992 zum Start des Projektes „PL 2000“ mit ministeriellem Auftrag, bundesweitem Arbeitskreis und standortbezogenen Schulversuchen führten mit den Hauptzielen, die Durchlässigkeit ins berufsbildende Schulwesen zu erhöhen, die Berufsbezogenheit zu verstärken (Intensivierung der Berufsorientierung, -vorbereitung, -grundbildung und -überleitung, Einrichtung von Fachbereichen), in Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie Ausstattung, Werkstätten etc. zu investieren und die regionalen Kontakte zu Unternehmen zu verstärken.

Ende der 90er Jahre konnte schließlich ein Paradigmenwechsel von „kognitiver Berufskunde“ zu einem „prozessorientierten Überleitungsverständnis“ (Berufs­orientierungs­phase, Berufsgrund­bildung in Fachbereichen, Stärkung der Grund­kompetenzen, Realbegegnungen in der Arbeitswelt, aktive Berufsüberleitung) mit dem 1997 in Kraft tretenden neuen Lehrplan der „Polytechnischen Schule (PTS)“ auf Basis der 17. Novelle des SchOG vom 30.12.1996 erreicht werden. Dies zog kontinuierliche Investitionen in Werkstätten an den Standorten, den Ausbau der Unternehmenskontakte durch berufspraktische Tage und Wochen und eine Neuorientierung der Lehrer/innenqualifikation nach sich.

Im Regierungsprogramm 2000 wurde die Evaluierung der Polytechnischen Schule vereinbart. Sie erfolgte regelmäßig alle zwei Jahre (letztmalig im Schuljahr 2009/2010) und lieferte den Beleg für hohe Effektivität erfolgreicher Berufsüberleitung auch unter schwierigen Bedingungen mit über 90% Überleitungsquote in berufliche Ausbildung oder weiterführende Schulen am Ende des Schuljahres.

Erste Curricula der Pädagogischen Hochschulen zur Ausbildung für das Lehramt an Polytechnischen Schulen entstanden 2006, Bachelorstudiengänge 2009.

2010 attestierte die OECD (Learning for Jobs. Austria. Hoeckel K. Paris 2010.) der PTS eine positive Rolle am Übergang Schule – Ausbildung – Beruf („Polytechnic schools deliver a good curriculum for prevocational preparation…“), forderte jedoch eine „Reform of the 9th grade“ ein.

2013 wurde eine PTS-Qualitätsoffensive gestartet, basierend auf einer parlamentarischen Übereinkunft aller vertretenen Parteien, nach einem Diskurs zur PTS aller Bildungssprecher/innen im Rahmen eines Schulbesuches im Jänner 2013. Im Arbeitsprogramm der Bundesregierung 2013 – 2018 wurde die Fortführung unter dem Ziel „Polytechnische Schule PLUS – Schaffung zusätzlicher Bildungs- und Ausbildungswege, individuelle Vorbereitung auf den weiteren Bildungsweg oder Berufseinstieg“ beschlossen. Der auf vier Jahre angelegte Schulversuch „PTS 2020“ verbindet seither 13 Pilotschulen aus allen Bundesländern über ein bundesweites Rahmenmodell mit den Schwerpunkten Individualisierung und Modularisierung.

Die moderne Arbeitswelt ist dynamisch, mobil und digital geworden. Es gilt somit, Berufsausbildung zugleich speziell und vielfältig zu gestalten, um der gebotenen Flexibilität Stand halten zu können und es liegt auch an vorbereitenden, schulischen Angeboten wie der Polytechnischen Schule, Jugendlichen am Übergang Schule – Ausbildung – Beruf die bestmögliche Unterstützung für die Entwicklung ihrer Berufswahlkompetenz zu geben. Und es liegt an uns, die Polytechnische Schule für diese Herausforderung fit zu halten!


MinR Johannes Baumühlner, BMB II/1a
anlässlich des Festaktes zum 50-jährigen Bestehen der PTS
in Wien, am 28. September 2016

IMPRESSIONEN VON DER 50-JAHRE-FEIER